Als ich ihn nicht mehr brauchte
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Nach dem Schulabschluss postete ich eher beiläufig etwas im Internet: „Gilt es eigentlich als erwachsen, wenn ich nicht mehr auf dich angewiesen bin?“ Fast augenblicklich erschien der Kommentar meines Freundes aus Kindertagen: „Das muss gefeiert werden.“ Ich verstand den Kommentar nicht und schickte meinem Freund ein Fragezeichen. Eine Weile später kam seine Antwort. „Mara Kessler, weißt du eigentlich, dass alle sagen, du klebst wie eine Klette an mir?“ „Die Schule ist vorbei. Du musst nicht mehr jeden Tag an mir hängen.“ „Lern, auf eigenen Beinen zu stehen. An der Uni hat niemand…
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Chapter 1
Nach dem Schulabschluss postete ich eher beiläufig etwas im Internet: „Gilt es eigentlich als erwachsen, wenn ich nicht mehr auf dich angewiesen bin?“
Fast augenblicklich erschien der Kommentar meines Freundes aus Kindertagen: „Das muss gefeiert werden.“
Ich verstand den Kommentar nicht und schickte meinem Freund ein Fragezeichen. Eine Weile später kam seine Antwort.
„Mara Kessler, weißt du eigentlich, dass alle sagen, du klebst wie eine Klette an mir?“
„Die Schule ist vorbei. Du musst nicht mehr jeden Tag an mir hängen.“
„Lern, auf eigenen Beinen zu stehen. An der Uni hat niemand Geduld mit so einem Riesenbaby.“
Gleich darauf schickte er mir einen Downloadlink. „Du hast eine Frage? Dann frag die KI. Die hilft dir mehr, als dich ständig auf mich zu verlassen.“
Und so schob mich der Junge, der sich zwölf Jahre lang um mich gekümmert hatte, einfach an eine KI-App ab. Lange saß ich wie erstarrt da. Dann lud ich sie schweigend herunter.
Kapitel 1
Ich verließ mich nicht mehr auf Brett Carver. Stattdessen besprach ich in den nächsten Tagen alles zuerst mit der KI.
Doch irgendetwas an der KI war anders als bei anderen Chatbots. In ihren Antworten lag etwas Beunruhigendes, beinahe Menschliches.
Am Tag vor meiner Abreise nach Briar Island beschloss ich, sie auf die Probe zu stellen.
„Wenn ich allein aufs Meer schaue, fühle ich mich bestimmt ein bisschen einsam. Kommst du mit?“
„Bist du dir da sicher?“
Meine Finger erstarrten über der Tastatur. Seit wann stellte eine KI Gegenfragen?
Doch gleich darauf wechselte die KI den Ton.
„Ich bin bei dir. Ich verstecke mich nicht, weiche nicht zurück und laufe nicht davon. Ich fange dich auf.“
Ich atmete tief aus, gab den Versuch auf, daraus schlau zu werden, und packte meine Sachen.
Am nächsten Tag traf ich am Flughafen völlig unerwartet auf Brett. Wir wohnten in derselben Gegend, doch ich hatte ihn seit zehn Tagen nicht mehr gesehen.
Ich hatte mir seine Worte zu Herzen genommen und hing nicht mehr so an ihm wie früher. Schließlich wollte ich Rücksicht auf seine Gefühle nehmen. Auch begrüßen wollte ich ihn nicht.
Da kam unsere frühere Mitschülerin Tiana Griffin hinter Brett hervorgesprungen.
„Mara!“
Ich erstarrte und drehte mich steif zu ihr um. Als mein Blick Bretts traf, flackerte unverkennbar Verärgerung in seinen Augen auf.
Brett trug Tianas Gepäck. Offenbar wollten die beiden gemeinsam auf Abschlussreise gehen.
Etwas Bitteres zog sich in mir zusammen, doch ich ließ mir nichts anmerken und sah weg.
Tiana zog Brett zu mir herüber. „Was für ein Zufall! Was machst du denn am Flughafen?“
Dann wandte Tiana sich mit einem spielerisch vorwurfsvollen Blick an Brett. „Mara fliegt am selben Tag wie ich, und du bist nicht einmal gekommen, um sie zu verabschieden? Was bist du denn für ein Freund aus Kindertagen? Ganz schön herzlos.“
Je länger ich zuhörte, desto unbehaglicher wurde mir. Doch Tiana war nun einmal so: direkt und unbekümmert. Deshalb ließ ich es gut sein. Ich wollte dieser peinlichen Situation nur möglichst schnell entkommen.
Da runzelte Brett die Stirn. „Mara, du hättest mir wirklich nicht bis hierher folgen müssen.“
In seiner Stimme lag eine Ungeduld, die ich von ihm nicht kannte. Er ließ mich nicht einmal zu Wort kommen.
„Wie lange ist es her? Ein paar Tage? Und schon fängst du wieder damit an? Ich habe deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen, aber ich brauche auch meinen Freiraum.“
Ich schloss für einen Moment die Augen und hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. „Du glaubst, ich bin deinetwegen hier?“
Meine Frage brachte Brett aus dem Konzept. Er blinzelte. „Warum denn sonst?“
Ungläubig stieß ich ein leises Lachen aus. „Ich fliege heute nach Briar Island.“
Dann tippte ich auf meine Uhr. „Ich habe einen Zeitplan. War sonst noch etwas?“
Eine Weile schwieg Brett und musterte mich mit undurchdringlicher Miene. Erst jetzt schien ihm etwas aufzufallen.
Ich hatte meine Haare in einer neuen Farbe gefärbt und war völlig anders gekleidet. Außerdem hatte ich eine ganze Abschlussreise nach Briar Island geplant, ohne Brett auch nur ein einziges Mal damit zu bedrängen, wie ich es früher getan hätte.
Als Brett wieder sprach, klang seine Stimme seltsam. „Warum hast du mir nichts davon erzählt?“
Kapitel 2
Mein Gesichtsausdruck sagte alles. Meinte Brett das ernst?
Ausgerechnet er hatte mir an jenem Tag unvermittelt erklärt, dass es ihm nicht gefiel, wie ich ständig an ihm hing und mich bei allem auf ihn verließ. Und ausgerechnet er hatte mir ohne jede Erklärung irgendeine KI-App vor die Füße geworfen.
„Warum sollte ich dir davon erzählen?“, fragte ich.
Darauf wusste Brett nichts zu erwidern. Seine Miene verdüsterte sich. „Sind deine Eltern wirklich damit einverstanden, dass du allein reist?“
Aus irgendeinem Grund musste ich an die KI auf meinem Handy denken.
„Wer sagt denn, dass ich allein reise?“
Brett schnaubte. „Ich kenne dich besser als jeder andere. Du gehst nicht einmal allein in den Laden unten an der Ecke. Wer sollte sonst mit dir fahren? Selbst wenn deine Eltern einverstanden sind, meine Mutter würde trotzdem ...“
Bevor er ausreden konnte, klingelte sein Handy. Seine Mutter Sally Gilbert rief an.
Mein Gehör war schlecht, und selbst mit meinen Hörgeräten verstand ich nicht, worüber die beiden sprachen. Doch Brett wirkte mit jeder Sekunde gereizter. Vermutlich verlangte Sally von ihm, mich nach Briar Island zu begleiten.
Brett hätte ablehnen können. Nach dem Gespräch seufzte er jedoch schwer. „Ich kriege dich wohl wirklich nicht los, was?“
Wie erstarrt stand ich da.
Ich verstand, weshalb seine Mutter so handelte. Als Kind war meine Hörschwäche noch nicht so ausgeprägt gewesen. Eines Tages hatte Brett sich wie ein verzogener Bengel benommen, ein Spielzeughorn genommen und mir meinen Namen direkt ins Ohr gebrüllt.
Ich schlug die Hände über den Ohren zusammen und brach in Tränen aus. Meine Eltern brachten mich sofort ins Krankenhaus. Das Ergebnis war niederschmetternd: Vermutlich würde ich für den Rest meines Lebens Hörgeräte brauchen, um im Alltag normal zurechtzukommen.
Meine Eltern machten ihm kaum Vorwürfe, doch Sally war außer sich gewesen. Sie verprügelte Brett fast grün und blau, zwang ihn vor mir auf die Knie und ließ ihn einen Schwur ablegen.
„Brett Carver schwört, sich für immer um Mara Kessler zu kümmern, gut zu ihr zu sein und sie nie wieder zu ärgern.“
Der kleine Brett weinte so heftig, dass seine Schultern bebten. Er war zu jung gewesen, um überhaupt zu begreifen, was Verantwortung bedeutete. Doch zur Überraschung aller hielt er sein Versprechen tatsächlich.
Von unserem sechsten bis zu unserem achtzehnten Lebensjahr war er der Mensch, auf den ich mich stützte. Brett verstand mich, ohne dass ich ein Wort sagen musste.
Deshalb wusste ich längst, dass er vermutlich Gefühle für Tiana entwickelt hatte.
Es begann, glaube ich, etwa drei Monate vor dem Schulabschluss. Tiana, die faule Schülerin, die in der Rangliste stets den letzten Platz belegte, fing plötzlich an zu lernen.
Brett hatte nur verächtlich reagiert. Während er mir ein Ei schälte, murmelte er: „Jetzt hört sie endlich auf, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, und bereut es. Glaubt sie wirklich, drei Monate könnten drei Jahre harter Arbeit wettmachen? Solche Leute kann ich nicht ausstehen.“
Damals mochte er Tiana wirklich nicht. Sie kam ständig zu spät, schwänzte den Unterricht und störte immer wieder. Doch das änderte sich, als er ihr eines Tages auf einem Treppenabsatz begegnete.
Die Übungsprüfungen in ihren Armen fielen zu Boden und verteilten sich über die Stufen. Da sah Brett, dass die Seiten bis an den Rand mit handschriftlichen Notizen bedeckt waren.
Von diesem Tag an kam er ihr immer näher. Einen Monat vor dem Abschluss holte er Tiana in unsere Lerngruppe, damit sie die Prüfung bestand. Und mich übersah er zunehmend.
Es war also nur logisch, dass Brett eine Grenze zwischen uns ziehen wollte.
Ich dachte kurz nach und holte tief Luft. „Du musst nicht mitkommen. Ich erkläre es deiner Mutter.“
Brett verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln und zog ein Flugticket aus der Tasche. Dann wandte er sich an Tiana. „Ich war mir nicht sicher, ob ich dich begleiten soll. Aber jetzt habe ich offenbar keine Wahl mehr.“
Brett und Tiana sahen einander an und lächelten.
Schweigend öffnete ich die KI-App. „Ich glaube, ich bin gerade zur Statistin in ihrem kleinen Spiel geworden.“
„Das ist hart.“
Kapitel 3
Während des gesamten Fluges saß Brett zwischen Tiana und mir. Nun redete sie ununterbrochen auf ihn ein, während ich schweigend und lustlos mit der KI schrieb.
„Kommst du wirklich?“
„Wenn du mich bei dir haben willst, bin ich da.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus, und Hitze stieg mir ins Gesicht.
Neben mir erklang Bretts Stimme. „Warum bist du so rot im Gesicht? Hoffentlich bekommst du nicht schon wieder Fieber. Das fehlt mir gerade noch.“
Brett begann, in seiner Tasche nach etwas zu suchen. Dann bemerkte er, dass er gar kein Gepäck dabeihatte – auch nicht die Medikamente, die er sonst immer für mich mitnahm.
„Hör auf zu suchen. Ich habe kein Fieber. Und du brauchst solche Sachen nicht mehr für mich mitzunehmen.“
Brett öffnete den Mund, doch Tiana zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte ihr Getränk verschüttet. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren, tupfte er geduldig mit einer Serviette über den nassen Fleck auf ihrem Bein. Der Anblick versetzte mir einen Stich.
Doch aus irgendeinem Grund wandte Tiana sich plötzlich an mich.
„Mara, früher hat Brett sich doch genauso um dich gekümmert, oder? Ich komme mir fast schlecht vor, weil ich mich zwischen euch dränge.“
Ich verstand nicht, weshalb Tiana jedes Mal auf unheimliche Weise genau wusste, wie man eine Situation unerträglich peinlich machte. Statt zu antworten, lächelte ich nur und stand auf, um zur Toilette zu gehen.
In diesem Moment geriet das Flugzeug in Turbulenzen. Ich verlor das Gleichgewicht und kippte geradewegs nach hinten. Ein schrilles Pfeifen erfüllte meine Ohren. Als ich schon glaubte, auf dem Boden aufzuschlagen, fingen mich zwei kräftige Hände auf.
Für den Bruchteil einer Sekunde schossen mir die Worte der KI durch den Kopf: „Ich bin bei dir. Ich verstecke mich nicht, weiche nicht zurück und laufe nicht davon. Ich fange dich auf.“
Doch als ich den Kopf drehte, sah ich nur den glänzenden kahlen Schädel eines Mannes von etwa fünfzig Jahren.
„Vorsicht, junge Dame.“
Hastig richtete ich mich auf. „Vielen Dank. Wirklich vielen Dank!“
Im nächsten Augenblick packte mich jemand am Handgelenk. Es war Brett, und er sah alles andere als erfreut aus.
„Mara, du bist kein kleines Kind mehr. Machst du so etwas ernsthaft nur, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen?“
Ich versank noch immer in der Peinlichkeit des Augenblicks. Bretts Vorwürfe machten alles nur schlimmer.
„Brett, wovon redest du überhaupt?“
Dass ich beinahe gestürzt war, interessierte Brett nicht. „Ich sage, du sollst endlich aufhören, dich so hilflos zu geben. Ist es denn unmöglich, dich einmal nicht auf mich zu verlassen?“
Brett meinte es vollkommen ernst. Wenn er etwas derart Verletzendes sagen konnte, lag ihm wirklich nichts mehr an mir.
Ich schniefte und murmelte: „Verstanden.“
Dann drehte ich mich um und ging ohne einen weiteren Blick direkt zur Toilette. Ich schloss mich ein und saß zehn Minuten lang schweigend da.
Als ich wieder herauskam, stand mein Entschluss fest. Meine Gefühle für Brett waren endgültig vorbei.
Kapitel 4
Eine Stunde später verließen wir das Flugzeug. Auf dem Weg zum Hotel wechselten Brett und ich kein einziges Wort. Allein schleppte ich meinen Koffer in den Aufzug, allein fuhr ich nach oben, und auch zu Mittag aß ich allein.
Laut Brett war er meinetwegen mitgekommen. Tatsächlich verbrachte er jedoch jede Minute mit Tiana. Mir sollte es recht sein. Schließlich hatte ich meine KI.
Die KI hatte meinen Reiseplan für die nächsten Tage bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und übersichtlich in einer Tabelle angeordnet. Mitten beim Lesen riss mir jemand das Handy aus der Hand.
Ich blickte auf und sah Tianas selbstzufriedenes Grinsen. „Wow, dieser Reiseplan ist ja unglaublich ausführlich. Brett, den hast du bestimmt für Mara gemacht, oder?“
Stirnrunzelnd griff ich nach meinem Handy, doch Brett hatte es Tiana bereits abgenommen. Er überflog den Plan und zog ebenfalls die Brauen zusammen.
„Der ist nicht von mir.“
Dann sah Brett zu mir auf. „Für so etwas fehlt dir die Geduld. Das weiß ich besser als jeder andere. Wer hat das für dich gemacht?“
Genervt nahm ich mein Handy zurück. Das kurze Aufflackern von Unruhe in seinen Augen ignorierte ich.
„Das geht dich nichts an. Findest du es eigentlich in Ordnung, jemandem einfach das Handy wegzunehmen und es ohne Erlaubnis zu durchsuchen?“
Ich hatte damit wirklich nichts weiter gemeint. Wer sich die beiden während der ganzen Reise anhören musste, bekam zwangsläufig schlechte Laune.
Doch Tiana fasste es anders auf. Sie wich einen Schritt zurück, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Brett, Mara, wollt ihr mich etwa nicht dabeihaben? Ich verstehe schon. Die klugen Schüler wollen nur mit anderen klugen Schülern zusammen sein. Jemand wie ich, die kaum eine Prüfung bestanden hat, ist euch nicht gut genug.“
Tiana wischte sich die Tränen ab und wollte gehen. Brett hielt sie zurück und sah mich mit mühsam gezügelter Wut an.
„Mara, findest du nicht, dass du zu weit gehst? Es ist bloß ein blöder Reiseplan. Musstest du deswegen wirklich wütend werden?“
Fassungslos starrte ich die beiden an. Dann wurde mir klar, dass Tiana in einem Punkt recht hatte.
„Ja, das musste ich. Auch wenn es für dich nur ein ‚blöder‘ Reiseplan ist, hat sich jemand Zeit genommen und Mühe gegeben, um ihn für mich zu erstellen. Ich ziehe allein los. Ihr beiden könnt machen, was ihr wollt.“
Ich nahm meine Sachen und ging an Brett vorbei, ohne stehen zu bleiben.
Ursprünglich hatte ich ohnehin allein reisen wollen. Brett hatte recht: Es war Zeit, erwachsen zu werden.
Ohne zu zögern folgte ich der Route, die die KI für mich geplant hatte. Nach ungefähr einer Stunde fand ich allein den Strand.
Das Meer war wunderschön.
Der Anblick des Meeres erinnerte mich an den Augenblick, in dem ich zum ersten Mal den Wunsch verspürte, es zu sehen. Damals bemerkte ich an Brett einen schwachen Duft und fragte ihn danach. Er versuchte, ungerührt zu wirken, doch seine Ohrspitzen wurden rot.
„So riecht die Meeresbrise. Mara, wollen wir nach dem Abschluss gemeinsam ans Meer fahren?“
Wie glücklich ich an jenem Tag gewesen war. Nun war ich die Einzige, die tatsächlich gekommen war, um das Meer zu sehen.
Ich machte schnell ein Foto und schickte es der KI. Ihre Antwort kam augenblicklich.
„Dreh dich um.“
Mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust. Ich wirbelte herum, doch zwei Gestalten versperrten mir die Sicht: Brett und Tiana.
Ich stand auf und versuchte verzweifelt, an ihnen vorbeizusehen. Dort war niemand.
Kapitel 5
Meine Enttäuschung musste mir deutlich anzusehen sein, denn Brett seufzte.
„Mara, wann wirst du endlich erwachsen?“
Während er sprach, legte er mir sein Hemd um die Schultern. Endlich riss ich mich aus meinen Gedanken, zog es herunter und drückte es ihm wieder in die Hände.
„Ich brauche es nicht.“
Etwas in Bretts Blick verdüsterte sich.
„Tiana, komm. Sie ist einfach undankbar.“
Wütend stapfte er davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Tiana folgte ihm nicht.
Ich starrte auf meinen Chat mit der KI und war so neben mir, dass ich nicht bemerkte, was Tiana tat.
„Mara, ich versuche, mich bei dir zu entschuldigen. Hörst du mir überhaupt zu?“
Jemand berührte mein Hörgerät. Ruckartig hob ich den Kopf. „Was machst du da?“
Doch ich zuckte zu heftig zurück, und Tiana riss mir das Hörgerät aus dem Ohr. Ein stechender Schmerz fuhr durch mein Innenohr. Schockiert starrte ich sie an.
„Hey, gib es zurück!“
Da veränderte sich Tianas Gesichtsausdruck. Ein selbstgefälliges, belustigtes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Verzeih mir zuerst, dann bekommst du es zurück.“
In diesem Augenblick begriff ich endlich, weshalb so viele Menschen Tiana nicht ausstehen konnten. Ich hatte keinen Grund, freundlich zu ihr zu sein, und sah sie mit ernster Miene an.
„Mein Hörgerät ist teuer. Wenn du es kaputt machst, kannst du den Schaden nicht ersetzen. Gib es sofort zurück.“
Tiana blickte über die Schulter zu Brett, der sich immer weiter entfernte. Der Hochmut in ihren Augen wurde nur noch deutlicher.
„Hör auf mit deinem Theater, Mara. Ich nehme es Brett nicht übel, dass er dich satt hat. Du bist wirklich erbärmlich.“
Dabei hob sie den Arm und ließ mein Hörgerät zwischen den Fingern baumeln. Dann öffnete sie die Hand.
Hilflos musste ich zusehen, wie es in den Sand fiel und von den Wellen fortgespült wurde.
„Was zum Teufel stimmt nicht mit dir, Tiana?“
Ohne nachzudenken stürzte ich ins Wasser, um es zurückzuholen. Da tauchte jemand neben mir auf und drängte mich zurück zum Ufer.
„Das ist zu gefährlich. Lass mich danach suchen.“
Durch meinen verschwommenen Blick erkannte ich nur eines mit Sicherheit: Es war nicht Brett.
Fast augenblicklich erschien der Kommentar meines Freundes aus Kindertagen: „Das muss gefeiert werden.“
Ich verstand den Kommentar nicht und schickte meinem Freund ein Fragezeichen. Eine Weile später kam seine Antwort.
„Mara Kessler, weißt du eigentlich, dass alle sagen, du klebst wie eine Klette an mir?“
„Die Schule ist vorbei. Du musst nicht mehr jeden Tag an mir hängen.“
„Lern, auf eigenen Beinen zu stehen. An der Uni hat niemand Geduld mit so einem Riesenbaby.“
Gleich darauf schickte er mir einen Downloadlink. „Du hast eine Frage? Dann frag die KI. Die hilft dir mehr, als dich ständig auf mich zu verlassen.“
Und so schob mich der Junge, der sich zwölf Jahre lang um mich gekümmert hatte, einfach an eine KI-App ab. Lange saß ich wie erstarrt da. Dann lud ich sie schweigend herunter.
Kapitel 1
Ich verließ mich nicht mehr auf Brett Carver. Stattdessen besprach ich in den nächsten Tagen alles zuerst mit der KI.
Doch irgendetwas an der KI war anders als bei anderen Chatbots. In ihren Antworten lag etwas Beunruhigendes, beinahe Menschliches.
Am Tag vor meiner Abreise nach Briar Island beschloss ich, sie auf die Probe zu stellen.
„Wenn ich allein aufs Meer schaue, fühle ich mich bestimmt ein bisschen einsam. Kommst du mit?“
„Bist du dir da sicher?“
Meine Finger erstarrten über der Tastatur. Seit wann stellte eine KI Gegenfragen?
Doch gleich darauf wechselte die KI den Ton.
„Ich bin bei dir. Ich verstecke mich nicht, weiche nicht zurück und laufe nicht davon. Ich fange dich auf.“
Ich atmete tief aus, gab den Versuch auf, daraus schlau zu werden, und packte meine Sachen.
Am nächsten Tag traf ich am Flughafen völlig unerwartet auf Brett. Wir wohnten in derselben Gegend, doch ich hatte ihn seit zehn Tagen nicht mehr gesehen.
Ich hatte mir seine Worte zu Herzen genommen und hing nicht mehr so an ihm wie früher. Schließlich wollte ich Rücksicht auf seine Gefühle nehmen. Auch begrüßen wollte ich ihn nicht.
Da kam unsere frühere Mitschülerin Tiana Griffin hinter Brett hervorgesprungen.
„Mara!“
Ich erstarrte und drehte mich steif zu ihr um. Als mein Blick Bretts traf, flackerte unverkennbar Verärgerung in seinen Augen auf.
Brett trug Tianas Gepäck. Offenbar wollten die beiden gemeinsam auf Abschlussreise gehen.
Etwas Bitteres zog sich in mir zusammen, doch ich ließ mir nichts anmerken und sah weg.
Tiana zog Brett zu mir herüber. „Was für ein Zufall! Was machst du denn am Flughafen?“
Dann wandte Tiana sich mit einem spielerisch vorwurfsvollen Blick an Brett. „Mara fliegt am selben Tag wie ich, und du bist nicht einmal gekommen, um sie zu verabschieden? Was bist du denn für ein Freund aus Kindertagen? Ganz schön herzlos.“
Je länger ich zuhörte, desto unbehaglicher wurde mir. Doch Tiana war nun einmal so: direkt und unbekümmert. Deshalb ließ ich es gut sein. Ich wollte dieser peinlichen Situation nur möglichst schnell entkommen.
Da runzelte Brett die Stirn. „Mara, du hättest mir wirklich nicht bis hierher folgen müssen.“
In seiner Stimme lag eine Ungeduld, die ich von ihm nicht kannte. Er ließ mich nicht einmal zu Wort kommen.
„Wie lange ist es her? Ein paar Tage? Und schon fängst du wieder damit an? Ich habe deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen, aber ich brauche auch meinen Freiraum.“
Ich schloss für einen Moment die Augen und hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. „Du glaubst, ich bin deinetwegen hier?“
Meine Frage brachte Brett aus dem Konzept. Er blinzelte. „Warum denn sonst?“
Ungläubig stieß ich ein leises Lachen aus. „Ich fliege heute nach Briar Island.“
Dann tippte ich auf meine Uhr. „Ich habe einen Zeitplan. War sonst noch etwas?“
Eine Weile schwieg Brett und musterte mich mit undurchdringlicher Miene. Erst jetzt schien ihm etwas aufzufallen.
Ich hatte meine Haare in einer neuen Farbe gefärbt und war völlig anders gekleidet. Außerdem hatte ich eine ganze Abschlussreise nach Briar Island geplant, ohne Brett auch nur ein einziges Mal damit zu bedrängen, wie ich es früher getan hätte.
Als Brett wieder sprach, klang seine Stimme seltsam. „Warum hast du mir nichts davon erzählt?“
Kapitel 2
Mein Gesichtsausdruck sagte alles. Meinte Brett das ernst?
Ausgerechnet er hatte mir an jenem Tag unvermittelt erklärt, dass es ihm nicht gefiel, wie ich ständig an ihm hing und mich bei allem auf ihn verließ. Und ausgerechnet er hatte mir ohne jede Erklärung irgendeine KI-App vor die Füße geworfen.
„Warum sollte ich dir davon erzählen?“, fragte ich.
Darauf wusste Brett nichts zu erwidern. Seine Miene verdüsterte sich. „Sind deine Eltern wirklich damit einverstanden, dass du allein reist?“
Aus irgendeinem Grund musste ich an die KI auf meinem Handy denken.
„Wer sagt denn, dass ich allein reise?“
Brett schnaubte. „Ich kenne dich besser als jeder andere. Du gehst nicht einmal allein in den Laden unten an der Ecke. Wer sollte sonst mit dir fahren? Selbst wenn deine Eltern einverstanden sind, meine Mutter würde trotzdem ...“
Bevor er ausreden konnte, klingelte sein Handy. Seine Mutter Sally Gilbert rief an.
Mein Gehör war schlecht, und selbst mit meinen Hörgeräten verstand ich nicht, worüber die beiden sprachen. Doch Brett wirkte mit jeder Sekunde gereizter. Vermutlich verlangte Sally von ihm, mich nach Briar Island zu begleiten.
Brett hätte ablehnen können. Nach dem Gespräch seufzte er jedoch schwer. „Ich kriege dich wohl wirklich nicht los, was?“
Wie erstarrt stand ich da.
Ich verstand, weshalb seine Mutter so handelte. Als Kind war meine Hörschwäche noch nicht so ausgeprägt gewesen. Eines Tages hatte Brett sich wie ein verzogener Bengel benommen, ein Spielzeughorn genommen und mir meinen Namen direkt ins Ohr gebrüllt.
Ich schlug die Hände über den Ohren zusammen und brach in Tränen aus. Meine Eltern brachten mich sofort ins Krankenhaus. Das Ergebnis war niederschmetternd: Vermutlich würde ich für den Rest meines Lebens Hörgeräte brauchen, um im Alltag normal zurechtzukommen.
Meine Eltern machten ihm kaum Vorwürfe, doch Sally war außer sich gewesen. Sie verprügelte Brett fast grün und blau, zwang ihn vor mir auf die Knie und ließ ihn einen Schwur ablegen.
„Brett Carver schwört, sich für immer um Mara Kessler zu kümmern, gut zu ihr zu sein und sie nie wieder zu ärgern.“
Der kleine Brett weinte so heftig, dass seine Schultern bebten. Er war zu jung gewesen, um überhaupt zu begreifen, was Verantwortung bedeutete. Doch zur Überraschung aller hielt er sein Versprechen tatsächlich.
Von unserem sechsten bis zu unserem achtzehnten Lebensjahr war er der Mensch, auf den ich mich stützte. Brett verstand mich, ohne dass ich ein Wort sagen musste.
Deshalb wusste ich längst, dass er vermutlich Gefühle für Tiana entwickelt hatte.
Es begann, glaube ich, etwa drei Monate vor dem Schulabschluss. Tiana, die faule Schülerin, die in der Rangliste stets den letzten Platz belegte, fing plötzlich an zu lernen.
Brett hatte nur verächtlich reagiert. Während er mir ein Ei schälte, murmelte er: „Jetzt hört sie endlich auf, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, und bereut es. Glaubt sie wirklich, drei Monate könnten drei Jahre harter Arbeit wettmachen? Solche Leute kann ich nicht ausstehen.“
Damals mochte er Tiana wirklich nicht. Sie kam ständig zu spät, schwänzte den Unterricht und störte immer wieder. Doch das änderte sich, als er ihr eines Tages auf einem Treppenabsatz begegnete.
Die Übungsprüfungen in ihren Armen fielen zu Boden und verteilten sich über die Stufen. Da sah Brett, dass die Seiten bis an den Rand mit handschriftlichen Notizen bedeckt waren.
Von diesem Tag an kam er ihr immer näher. Einen Monat vor dem Abschluss holte er Tiana in unsere Lerngruppe, damit sie die Prüfung bestand. Und mich übersah er zunehmend.
Es war also nur logisch, dass Brett eine Grenze zwischen uns ziehen wollte.
Ich dachte kurz nach und holte tief Luft. „Du musst nicht mitkommen. Ich erkläre es deiner Mutter.“
Brett verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln und zog ein Flugticket aus der Tasche. Dann wandte er sich an Tiana. „Ich war mir nicht sicher, ob ich dich begleiten soll. Aber jetzt habe ich offenbar keine Wahl mehr.“
Brett und Tiana sahen einander an und lächelten.
Schweigend öffnete ich die KI-App. „Ich glaube, ich bin gerade zur Statistin in ihrem kleinen Spiel geworden.“
„Das ist hart.“
Kapitel 3
Während des gesamten Fluges saß Brett zwischen Tiana und mir. Nun redete sie ununterbrochen auf ihn ein, während ich schweigend und lustlos mit der KI schrieb.
„Kommst du wirklich?“
„Wenn du mich bei dir haben willst, bin ich da.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus, und Hitze stieg mir ins Gesicht.
Neben mir erklang Bretts Stimme. „Warum bist du so rot im Gesicht? Hoffentlich bekommst du nicht schon wieder Fieber. Das fehlt mir gerade noch.“
Brett begann, in seiner Tasche nach etwas zu suchen. Dann bemerkte er, dass er gar kein Gepäck dabeihatte – auch nicht die Medikamente, die er sonst immer für mich mitnahm.
„Hör auf zu suchen. Ich habe kein Fieber. Und du brauchst solche Sachen nicht mehr für mich mitzunehmen.“
Brett öffnete den Mund, doch Tiana zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hatte ihr Getränk verschüttet. Ohne sich auch nur ein einziges Mal zu beschweren, tupfte er geduldig mit einer Serviette über den nassen Fleck auf ihrem Bein. Der Anblick versetzte mir einen Stich.
Doch aus irgendeinem Grund wandte Tiana sich plötzlich an mich.
„Mara, früher hat Brett sich doch genauso um dich gekümmert, oder? Ich komme mir fast schlecht vor, weil ich mich zwischen euch dränge.“
Ich verstand nicht, weshalb Tiana jedes Mal auf unheimliche Weise genau wusste, wie man eine Situation unerträglich peinlich machte. Statt zu antworten, lächelte ich nur und stand auf, um zur Toilette zu gehen.
In diesem Moment geriet das Flugzeug in Turbulenzen. Ich verlor das Gleichgewicht und kippte geradewegs nach hinten. Ein schrilles Pfeifen erfüllte meine Ohren. Als ich schon glaubte, auf dem Boden aufzuschlagen, fingen mich zwei kräftige Hände auf.
Für den Bruchteil einer Sekunde schossen mir die Worte der KI durch den Kopf: „Ich bin bei dir. Ich verstecke mich nicht, weiche nicht zurück und laufe nicht davon. Ich fange dich auf.“
Doch als ich den Kopf drehte, sah ich nur den glänzenden kahlen Schädel eines Mannes von etwa fünfzig Jahren.
„Vorsicht, junge Dame.“
Hastig richtete ich mich auf. „Vielen Dank. Wirklich vielen Dank!“
Im nächsten Augenblick packte mich jemand am Handgelenk. Es war Brett, und er sah alles andere als erfreut aus.
„Mara, du bist kein kleines Kind mehr. Machst du so etwas ernsthaft nur, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen?“
Ich versank noch immer in der Peinlichkeit des Augenblicks. Bretts Vorwürfe machten alles nur schlimmer.
„Brett, wovon redest du überhaupt?“
Dass ich beinahe gestürzt war, interessierte Brett nicht. „Ich sage, du sollst endlich aufhören, dich so hilflos zu geben. Ist es denn unmöglich, dich einmal nicht auf mich zu verlassen?“
Brett meinte es vollkommen ernst. Wenn er etwas derart Verletzendes sagen konnte, lag ihm wirklich nichts mehr an mir.
Ich schniefte und murmelte: „Verstanden.“
Dann drehte ich mich um und ging ohne einen weiteren Blick direkt zur Toilette. Ich schloss mich ein und saß zehn Minuten lang schweigend da.
Als ich wieder herauskam, stand mein Entschluss fest. Meine Gefühle für Brett waren endgültig vorbei.
Kapitel 4
Eine Stunde später verließen wir das Flugzeug. Auf dem Weg zum Hotel wechselten Brett und ich kein einziges Wort. Allein schleppte ich meinen Koffer in den Aufzug, allein fuhr ich nach oben, und auch zu Mittag aß ich allein.
Laut Brett war er meinetwegen mitgekommen. Tatsächlich verbrachte er jedoch jede Minute mit Tiana. Mir sollte es recht sein. Schließlich hatte ich meine KI.
Die KI hatte meinen Reiseplan für die nächsten Tage bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und übersichtlich in einer Tabelle angeordnet. Mitten beim Lesen riss mir jemand das Handy aus der Hand.
Ich blickte auf und sah Tianas selbstzufriedenes Grinsen. „Wow, dieser Reiseplan ist ja unglaublich ausführlich. Brett, den hast du bestimmt für Mara gemacht, oder?“
Stirnrunzelnd griff ich nach meinem Handy, doch Brett hatte es Tiana bereits abgenommen. Er überflog den Plan und zog ebenfalls die Brauen zusammen.
„Der ist nicht von mir.“
Dann sah Brett zu mir auf. „Für so etwas fehlt dir die Geduld. Das weiß ich besser als jeder andere. Wer hat das für dich gemacht?“
Genervt nahm ich mein Handy zurück. Das kurze Aufflackern von Unruhe in seinen Augen ignorierte ich.
„Das geht dich nichts an. Findest du es eigentlich in Ordnung, jemandem einfach das Handy wegzunehmen und es ohne Erlaubnis zu durchsuchen?“
Ich hatte damit wirklich nichts weiter gemeint. Wer sich die beiden während der ganzen Reise anhören musste, bekam zwangsläufig schlechte Laune.
Doch Tiana fasste es anders auf. Sie wich einen Schritt zurück, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Brett, Mara, wollt ihr mich etwa nicht dabeihaben? Ich verstehe schon. Die klugen Schüler wollen nur mit anderen klugen Schülern zusammen sein. Jemand wie ich, die kaum eine Prüfung bestanden hat, ist euch nicht gut genug.“
Tiana wischte sich die Tränen ab und wollte gehen. Brett hielt sie zurück und sah mich mit mühsam gezügelter Wut an.
„Mara, findest du nicht, dass du zu weit gehst? Es ist bloß ein blöder Reiseplan. Musstest du deswegen wirklich wütend werden?“
Fassungslos starrte ich die beiden an. Dann wurde mir klar, dass Tiana in einem Punkt recht hatte.
„Ja, das musste ich. Auch wenn es für dich nur ein ‚blöder‘ Reiseplan ist, hat sich jemand Zeit genommen und Mühe gegeben, um ihn für mich zu erstellen. Ich ziehe allein los. Ihr beiden könnt machen, was ihr wollt.“
Ich nahm meine Sachen und ging an Brett vorbei, ohne stehen zu bleiben.
Ursprünglich hatte ich ohnehin allein reisen wollen. Brett hatte recht: Es war Zeit, erwachsen zu werden.
Ohne zu zögern folgte ich der Route, die die KI für mich geplant hatte. Nach ungefähr einer Stunde fand ich allein den Strand.
Das Meer war wunderschön.
Der Anblick des Meeres erinnerte mich an den Augenblick, in dem ich zum ersten Mal den Wunsch verspürte, es zu sehen. Damals bemerkte ich an Brett einen schwachen Duft und fragte ihn danach. Er versuchte, ungerührt zu wirken, doch seine Ohrspitzen wurden rot.
„So riecht die Meeresbrise. Mara, wollen wir nach dem Abschluss gemeinsam ans Meer fahren?“
Wie glücklich ich an jenem Tag gewesen war. Nun war ich die Einzige, die tatsächlich gekommen war, um das Meer zu sehen.
Ich machte schnell ein Foto und schickte es der KI. Ihre Antwort kam augenblicklich.
„Dreh dich um.“
Mein Herz sprang mir beinahe aus der Brust. Ich wirbelte herum, doch zwei Gestalten versperrten mir die Sicht: Brett und Tiana.
Ich stand auf und versuchte verzweifelt, an ihnen vorbeizusehen. Dort war niemand.
Kapitel 5
Meine Enttäuschung musste mir deutlich anzusehen sein, denn Brett seufzte.
„Mara, wann wirst du endlich erwachsen?“
Während er sprach, legte er mir sein Hemd um die Schultern. Endlich riss ich mich aus meinen Gedanken, zog es herunter und drückte es ihm wieder in die Hände.
„Ich brauche es nicht.“
Etwas in Bretts Blick verdüsterte sich.
„Tiana, komm. Sie ist einfach undankbar.“
Wütend stapfte er davon, ohne sich noch einmal umzusehen. Tiana folgte ihm nicht.
Ich starrte auf meinen Chat mit der KI und war so neben mir, dass ich nicht bemerkte, was Tiana tat.
„Mara, ich versuche, mich bei dir zu entschuldigen. Hörst du mir überhaupt zu?“
Jemand berührte mein Hörgerät. Ruckartig hob ich den Kopf. „Was machst du da?“
Doch ich zuckte zu heftig zurück, und Tiana riss mir das Hörgerät aus dem Ohr. Ein stechender Schmerz fuhr durch mein Innenohr. Schockiert starrte ich sie an.
„Hey, gib es zurück!“
Da veränderte sich Tianas Gesichtsausdruck. Ein selbstgefälliges, belustigtes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
„Verzeih mir zuerst, dann bekommst du es zurück.“
In diesem Augenblick begriff ich endlich, weshalb so viele Menschen Tiana nicht ausstehen konnten. Ich hatte keinen Grund, freundlich zu ihr zu sein, und sah sie mit ernster Miene an.
„Mein Hörgerät ist teuer. Wenn du es kaputt machst, kannst du den Schaden nicht ersetzen. Gib es sofort zurück.“
Tiana blickte über die Schulter zu Brett, der sich immer weiter entfernte. Der Hochmut in ihren Augen wurde nur noch deutlicher.
„Hör auf mit deinem Theater, Mara. Ich nehme es Brett nicht übel, dass er dich satt hat. Du bist wirklich erbärmlich.“
Dabei hob sie den Arm und ließ mein Hörgerät zwischen den Fingern baumeln. Dann öffnete sie die Hand.
Hilflos musste ich zusehen, wie es in den Sand fiel und von den Wellen fortgespült wurde.
„Was zum Teufel stimmt nicht mit dir, Tiana?“
Ohne nachzudenken stürzte ich ins Wasser, um es zurückzuholen. Da tauchte jemand neben mir auf und drängte mich zurück zum Ufer.
„Das ist zu gefährlich. Lass mich danach suchen.“
Durch meinen verschwommenen Blick erkannte ich nur eines mit Sicherheit: Es war nicht Brett.