Sieben Jahre – und einen Tag vor der Hochzeit
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Sieben Jahre zusammen. Einen Tag vor der Hochzeit sagte ich die Feier mit meinem Freund Julian Falk ab. Die Mitarbeiterin sah mich fassungslos an: „Die Feier ist morgen. Wollen Sie das nicht erst mit dem Bräutigam besprechen, wenn er zurück ist?“ Ich lächelte, warf einen letzten Blick auf den Saal, den ich drei Monate lang mit eigenen Händen hergerichtet hatte, und sagte ganz beiläufig: „Nein. Er hat keine Zeit. Er steht gerade in der Schweiz vor dem Altar – mit seiner ersten Liebe.“
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Chapter 1
Sieben Jahre zusammen. Einen Tag vor der Hochzeit sagte ich die Feier mit meinem Freund Julian Falk ab.
Die Mitarbeiterin sah mich fassungslos an:
„Die Feier ist morgen. Wollen Sie das nicht erst mit dem Bräutigam besprechen, wenn er zurück ist?“
Ich lächelte, warf einen letzten Blick auf den Saal, den ich drei Monate lang mit eigenen Händen hergerichtet hatte, und sagte ganz beiläufig:
„Nein. Er hat keine Zeit. Er steht gerade in der Schweiz vor dem Altar – mit seiner ersten Liebe.“
Kapitel 1
Sieben Jahre zusammen. Einen Tag vor der Hochzeit sagte ich die Feier mit meinem Freund Julian Falk ab.
Die Mitarbeiterin sah mich fassungslos an:
„Die Feier ist morgen. Wollen Sie das nicht erst mit dem Bräutigam besprechen, wenn er zurück ist?“
Ich lächelte, warf einen letzten Blick auf den Saal, den ich drei Monate lang mit eigenen Händen hergerichtet hatte, und sagte ganz beiläufig:
„Nein. Er hat keine Zeit. Er steht gerade in der Schweiz vor dem Altar – mit seiner ersten Liebe.“
1
Sieben Jahre lang ließ Julian mich nie an seinen Laptop.
Diesmal war er auf Geschäftsreise und hatte vergessen, ihn auszuschalten.
Beim Aufräumen im Arbeitszimmer fiel mein Blick zufällig auf den hellen Bildschirm.
„Julian, hast du heute wirklich in der Schweiz eine Hochzeit mit Jasmin gefeiert?“
„Ihr wart nicht auf dem Standesamt, schon klar. Aber hast du keine Angst, dass Lena durchdreht, wenn sie das erfährt?“
„Bis zu eurer Hochzeit hier sind es noch ganze drei Tage.“
„Komm endlich zur Vernunft!“
Tobias Krüger, Julians ältester Freund, stellte ihn im Chat zur Rede.
Ich stützte mich am Schreibtisch ab. Für einen Moment hielt ich das Ganze für einen Traum.
Jasmin Voss war Julians erste Liebe gewesen, damals, mit achtzehn.
Dann zog sie weg, und die beiden trennten sich.
Das war acht Jahre her.
Wie konnte Julian ausgerechnet jetzt, kurz bevor wir selbst heiraten, mit ihr vor den Altar treten?
Die Adern traten mir auf dem Handrücken hervor, so fest umklammerte ich die Tischkante. Ich starrte auf den Bildschirm, ohne zu blinzeln, und wartete auf seine Antwort.
Julian antwortete sofort:
„Ja, stimmt. Und ich bin völlig klar im Kopf.“
„Das war unser Versprechen von damals, mit achtzehn. Jasmin hat mich nur um diese eine Sache gebeten. Also halte ich es.“
„Und Leni ...“
Im Chatfenster stand sehr lange nur: „schreibt ...“
„Sie weiß es ohnehin nicht. Danach tue ich einfach so, als wäre nichts gewesen.“
Ungläubig starrte ich auf diesen Satz. Es dauerte, bis ich bitter auflachte.
Zu spät.
Julian, ich weiß es längst.
Ich zog den Stuhl heran, setzte mich und griff mit zitternder Hand nach der Maus. Dann öffnete ich den Chat zwischen Julian und Jasmin.
Sieben Jahre mit ihm. Und ich hatte nicht das Geringste geahnt.
Die beiden schrieben sich jeden einzelnen Tag.
Jasmin schickte ihm ein Foto von einem Kätzchen, Julian antwortete: „Genauso süß wie du.“
Jasmin klagte über den Druck im Job und ihren nervigen Chef, Julian tippte in aller Ruhe: „Druck heißt, dass du wächst. Denk nicht zu viel nach. Ich bin ja da.“
In Jasmins Wohngebiet fiel der Strom aus, sie schickte ihm einen Sticker, der Angst vor der Dunkelheit ausdrückte. Julian antwortete in derselben Sekunde: „Warte auf mich.“
An genau diesem Tag hatte ich meine Tage bekommen und wälzte mich mit Krämpfen im Bett.
Julian war Hals über Kopf aus der Wohnung gestürzt, ohne mir auch nur einen Tee zu machen.
Stück für Stück ging ich diese Alltagsfetzen durch. Aus jedem einzelnen sprach dieselbe Sorgfalt.
Am schwersten zu ertragen war der letzte Monat.
Julian und Jasmin hatten eine Hochzeit geplant.
Er fragte sie: „Wie soll die Feier aussehen? Oben in den Bergen oder auf einer Wiese? Oder beides?“
Er schickte ihr Brautkleider in allen Stilrichtungen: „Welches gefällt dir am besten? Schlicht, Satin oder aufwendig bestickt? Ich habe die Nachmittagsbesprechung abgesagt, um drei hole ich dich zur Anprobe ab.“
Vom Veranstaltungsort bis zu der Frage, ob es Konfetti oder Luftschlangen geben sollte – Julian nahm ihr jede Entscheidung ab.
Er war ununterbrochen auf den Beinen.
Und unsere Hochzeit?
Ich fragte ihn, ob wir auf dem Land oder in der Stadt feiern sollten. Er sagte: „Ist mir egal.“
Ich wollte, dass er mit mir Brautkleider ansah. Er hatte zu viel zu tun, sagte er. „Entscheide einfach selbst.“
Ich stellte die Gästeliste zusammen und bat ihn, sie ein letztes Mal durchzusehen und zu unterschreiben. Wieder nur: „Mach du das. Mir egal.“
Ich hielt Julian für einen Menschen, dem eben alles egal war.
Bis heute. Bis ich seinen Chat mit Jasmin las.
Weil Jasmin sich nicht zwischen Schleier und Diadem entscheiden konnte, hatte Julian ihr drei Powerpoints mit je zwanzig Seiten gebastelt.
Kapitel 2
Zwischen all diesen Zeilen stand immer dasselbe Wort: Sorgfalt. Und irgendwann musste ich es zugeben.
Meine sieben Jahre mit Julian.
Sie waren nichts.
Ich saß die ganze Nacht im Arbeitszimmer.
Am nächsten Morgen nahm ich mir frei. Klara Berger, meine beste Freundin, begleitete mich, um die Hochzeit abzusagen.
„Leni, hast du dir das wirklich gut überlegt?“
Das war Klaras erste Frage, kaum dass sie mich sah.
„Ja. Habe ich.“
„Ihr seid seit sieben Jahren zusammen, übermorgen ist die Feier. Und du wartest nicht mal ab, bis er zurück ist, sondern sagst einfach alles allein ab?“
„Ja.“
„Weiß Julian davon?“
„Er hat zu tun.“
„Womit denn?“
Ich antwortete nicht.
Klara schwieg zwei Sekunden.
„Wenn es dir unangenehm ist, rufe ich ihn an.“
„Ihr seid seit sieben Jahren zusammen, es geht um eure Hochzeit, ich lasse dich damit doch nicht allein ...“
„Er hat zu tun. Er heiratet gerade.“
Meine Stimme war ganz leise.
Klara erstarrte. Der ungläubige Ausdruck fror ihr im Gesicht ein.
„Was hast du gesagt?“
Ich lächelte nur.
Dann holte ich die Chatverläufe hervor, die ich in der Nacht von Julians Laptop gesichert hatte, und hielt sie ihr hin.
„Julian hat geheiratet.“
„Gestern. In der Schweiz.“
„Jasmin Voss. Seine erste Liebe.“
Klara sagte nichts mehr.
Dann wurden ihre Augen ganz langsam rot.
„Gestern hast du bis nach Mitternacht mit dem Lichttechniker im Hotel geprobt. Zwischendurch hast du mir geschrieben, dass dein Magen wehtut, und mich um Tabletten gebeten.“
„Und genau in dieser Zeit ... hat Julian in der Schweiz eine andere geheiratet?“
Mein Mundwinkel zuckte.
„Ja.“
Klara sagte kein Wort mehr. Sie fuhr mich direkt zur Hochzeitsagentur.
Die ganze Fahrt über hielt sie meine Hand. Ganz fest.
3
Nach der Absage fuhr ich nach Hause und packte.
Ich wollte aus der Wohnung ausziehen, die unser gemeinsames Zuhause hätte werden sollen.
Julian schrieb mir.
Ein Foto aus einem Wartebereich am Flughafen.
Darunter: „Geschäftsreise vorbei. Bin todmüde.“
Ich antwortete nicht. Ich starrte nur auf die linke untere Ecke des Fotos.
Eine schmale, helle Hand war versehentlich mit ins Bild geraten. Am Ringfinger blitzte ein Diamantring.
Ich kannte diesen Ring.
Als Julian und ich im Jahr zuvor Eheringe aussuchten, empfahl ihn uns die Verkäuferin. Das teuerste Modell im ganzen Laden.
In der ganzen Stadt gab es davon nur ein einziges Paar.
Mir gefiel er sehr. Julian sagte: „Zu protzig. Passt nicht zu dir.“
Er passte zu Jasmin.
Ich legte das Handy weg, nahm meine Sachen Stück für Stück aus dem Schrank, faltete sie und stopfte sie in den Koffer.
Bei einem von Julians Hemden runzelte ich die Stirn.
Es roch stark nach Parfüm.
Nach Jasmin.
Am Kragen klemmte ein Zettel, mit Lippenstift beschrieben.
„Jasmins Schlafshirt“
Sieben Jahre zusammen. Und erst jetzt erfuhr ich, dass er sie mit hierhergebracht hatte.
Und dass in unserem Schrank ein Hemd hing, das nach einer anderen Frau roch.
Ich hängte es zurück und machte im Bad weiter.
In meiner Tasche vibrierte das Handy.
Wieder Julian.
Diesmal ein Videoanruf.
Ich ging ran.
Auf dem Bildschirm trug er einen schwarzen Mantel. In dieses sonst so kühle, verschlossene Gesicht hatte sich etwas Weiches geschlichen.
„Was machst du gerade?“
„Ich räume auf.“
„Läuft alles mit der Hochzeit?“
„... ganz gut.“
„Ich fliege heute. Morgen früh bin ich wieder da, unsere Feier übermorgen schaffe ich locker.“
„Gut.“
„Was ist los? Bist du sauer?“
„Nein. Nur müde.“
„Ich habe ein Geschenk für dich.“
Julian bückte sich und zog eine weiße, mit einer Schleife gebundene Schachtel aus seiner Aktentasche.
„Ein Freund hat geheiratet, es gab Hochzeitsmandeln. Ich habe dir extra welche mitgebracht, damit etwas vom Glück abfärbt.“
„Ein Freund?“
Ich wiederholte nur dieses eine Wort.
Er lächelte. Ganz selbstverständlich, ohne die Spur eines schlechten Gewissens.
„Ja. Ein Freund.“
Kapitel 3
In diesem Moment kam von der Seite eine Frauenstimme.
„Jules, schaust du mal, ob mein Ring locker sitzt?“
Julian drehte den Kopf zur Seite:
„Sofort.“
Dann sah er wieder mich an.
„Leni, war noch was? Sonst lege ich auf.“
Ich senkte den Blick, sah den Mann auf dem Bildschirm an und konnte am Ende doch nicht anders:
„Julian, willst du mich wirklich heiraten?“
Er stutzte, dann lachte er.
„Natürlich. Wir sind seit sieben Jahren zusammen.“
„Wie oft im Leben hat man schon sieben gemeinsame Jahre? Natürlich will ich dich heiraten.“
Ich nickte.
Mein Finger lag auf dem Familienchat der Falks.
Drei Minuten zuvor hatte ich dort eine Zeile getippt:
„In gegenseitigem Einvernehmen wird die für übermorgen geplante Hochzeit abgesagt.“
Damals wollte ich ihn noch nicht bloßstellen.
Jetzt löschte ich die Zeile. Buchstabe für Buchstabe.
„Alles klar.“
Am nächsten Tag schickte ich mein Gepäck zu meinen Eltern.
Julians Mutter rief an.
„Leni, komm doch mittags zum Essen, Jules ist wieder da.“
Sie machte eine kurze Pause und fügte lächelnd hinzu:
„Er hat eine Freundin mitgebracht, Jasmin Voss. Dann könnt ihr euch gleich kennenlernen.“
Julians Mutter war eine ausgesprochen „herzliche“ Frau.
Als Julian mich zum ersten Mal mit nach Hause nahm, lächelte sie mich schon an der Tür an und schenkte mir Tee ein.
Sie lobte, wie hübsch ich war, und fragte dann nach meinem Abschluss, meiner Familie und ob ich im Haushalt etwas taugte.
Ich beantwortete alles der Reihe nach, nervöser als bei meiner Abschlussprüfung.
Ich gab mir alle Mühe, eine Schwiegertochter zu sein, mit der sie zufrieden war.
Julians Mutter freute sich sehr. „Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass Julian ein Mädchen wie dich gefunden hat.“
Doch kaum hatte sie ihn in die Küche gerufen, um Obst zu waschen ...
... hörte ich sie seufzen. Voller Bedauern sagte sie zu ihm:
„Wirklich schade. Die vor ihr war doch die Bessere.“
Mit der Vorherigen war Jasmin gemeint.
Julian hatte mir nie von ihr erzählt. Ich hatte es selbst herausgefunden.
Seitdem fiel mir bei jedem Besuch bei seiner Mutter unweigerlich dieser Name ein.
Heute würde ich sie endlich zu Gesicht bekommen.
Als ich ankam, war das Sofa im Wohnzimmer bereits voll besetzt.
Jasmin saß genau in der Mitte, Julian dicht neben ihr. Er schälte ihr gerade eine Mandarine.
In sieben Jahren hatte er das für mich kein einziges Mal getan.
Als seine Mutter mich hereinkommen sah, sprang sie sofort auf:
„Da ist ja unsere Leni.“
Sie zog mich zu sich und deutete auf Jasmin.
„Das ist eine alte Studienfreundin von Jules, ein wirklich außergewöhnlicher Mensch. Sie ist extra angereist, weil Jules heiratet.“
„Jasmin, das ist Leni.“
Sogar in der Vorstellung lag ein Unterschied.
Ich ließ es durchgehen und setzte mich still in eine Ecke.
Seine Mutter plauderte weiter mit ihr.
„Jasmin, habt ihr in der Schweiz eigentlich Fotos machen lassen?“
„Und ausgerechnet bei so etwas Großem sagst du mir nicht früher Bescheid.“
Jasmin lächelte verlegen:
„Frau Falk ...“
„Immer noch ‚Frau Falk‘?“
Julians Mutter strahlte über das ganze Gesicht.
„Mama!“
Julian fuhr dazwischen und warf mir aus den Augenwinkeln einen schnellen Blick zu.
„Leni ist auch noch da.“
Die Stimmung im Wohnzimmer kippte.
Erst jetzt schien es ihr aufzugehen. Verlegen sagte sie:
„Da habe ich mich im Ton vergriffen. Ich mag Jasmin einfach so gern, für mich ist sie wie eine eigene Tochter.“
„Komm, Leni, nimm dir Hochzeitsmandeln.“
Sie schob mir die Schachtel über den Tisch.
Dann griff sie eine große Handvoll heraus und drückte sie mir in die Hand.
Ich schob mir eine in den Mund. Sie schmeckte bitterer als jede Medizin.
„Danke, Frau Falk.“
Ich nannte sie nicht Mama.
Sie hatte es nicht verdient.
Dass sie von der Hochzeit der beiden gewusst hatte, damit hatte ich nicht gerechnet.
Trotzdem machte ich keine Szene.
Es hätte nichts gebracht.
Ich wartete. Auf morgen. Auf ihre Gesichter, wenn sie erfuhren, dass die Hochzeit abgesagt war.
Nach dem Mittagessen stand ich auf und ging.
Kapitel 4
Julian lief mir nach, um mich zu verabschieden.
Im Aufzug fing er plötzlich an:
„Meine Mutter hat das nicht so gemeint.“
„Was?“
Er schwieg einen Moment.
„Dass Jasmin sie Mama nennen soll. Sie hat das nicht so gemeint.“
Ich lächelte.
Dann hob ich meine Hände und betrachtete sie von allen Seiten.
„Bei unserem ersten Treffen hat deine Mutter gesagt, ich bin hübsch. Und dass ich schöne Hände habe, denen man ansieht, dass sie noch nie arbeiten mussten.“
„Danach hat sie mich bei jedem Besuch in die Küche gerufen, kaum dass ich saß.“
„In sieben Jahren habe ich bei euch 78 Mal das Geschirr gespült.“
„Und Jasmin? Deine Mutter hat sie beim Essen nicht einmal Wasser einschenken lassen.“
Julians Miene veränderte sich leicht.
„Leni, Jasmin ist ein Gast.“
„Und Gäste sollen deine Mutter Mama nennen?“
Julian schwieg.
Ich fragte weiter:
„Von wem kam die Idee mit den Hochzeitsmandeln?“
Er erstarrte.
„Von Jasmin. Damit etwas vom Glück auf dich abfärbt.“
„Und du hast sie nicht aufgehalten?“
„Ich habe mir nichts dabei gedacht ...“
Wieder lächelte ich.
In sieben Jahren hatte ich diesen Satz aus seinem Mund unzählige Male gehört.
Wenn er meinen Geburtstag verpasste: „Zu viel Arbeit, ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Wenn er mir zum Jahrestag dasselbe Armband schenkte wie Jasmin: „Ist doch dieselbe Marke, ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Sogar beim Heiratsantrag hatte er den Ring eine Nummer zu groß gekauft.
Auch dafür dieselbe Erklärung: „Solche Kleinigkeiten merke ich mir nicht, ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Ob er sich wirklich nie etwas dabei dachte, weiß ich bis heute nicht.
Inzwischen war es mir zu mühsam, mich damit aufzuhalten.
Ich stellte ihm nur eine einzige Frage:
„Julian, wenn du es dir mit der Hochzeit anders überlegst, ist es jetzt noch nicht zu spät.“
Seine Miene kippte, mit einem Schlag wurde er ernst.
Seine Linke schloss sich hart um mein Handgelenk.
„Lena, red keinen Unsinn! Wir sind seit sieben Jahren zusammen. Wen willst du denn sonst heiraten?“
„Wenn dir die Mandeln nicht passen, werfe ich sie weg. Aber diesen Satz mag ich nicht. Nimm ihn zurück.“
Ich sah ihn an, so wütend, wie ich ihn selten erlebt hatte, und verzog nur leicht den Mund.
„Alles klar.“
Ich trat aus dem Aufzug und ließ ihn hinter mir stehen.
Am Abend schickte ich das letzte Gepäckstück aus der Wohnung fort.
Während ich Klara ein Foto davon schickte, kam eine Nachricht von Julian:
„Bist du noch sauer?“
„Ich habe mit meiner Mutter geredet. Sie lässt dich nie wieder abspülen.“
Ich antwortete nicht.
Er schrieb weiter:
„Noch zwölf Stunden, dann heiraten wir. Freust du dich, Leni?“
Ich saß mitten in dem leeren Wohnzimmer, in dem nichts mehr an eine Hochzeit erinnerte, zögerte und antwortete doch nicht.
Klara leitete mir einen Artikel weiter.
„Diese Mistkerle! Sieh dir das sofort an!“
Ich öffnete ihn. Eine Meldung aus einer Schweizer Lokalzeitung.
„Die Hochzeit des Jahres – der Bräutigam sagt: Wahre Liebe ist unbezahlbar“
In zweitausend Wörtern schwärmte der Reporter von Julians und Jasmins Hochzeit.
Dazu ein Foto von Julian beim Interview.
Der Reporter fragte ihn:
„Warum haben Sie für die Feier ausgerechnet die Schweiz gewählt?“
Julians Antwort:
„Weil meine Frau es sich so gewünscht hat.“
Ich lud den Artikel herunter und speicherte ihn.
Dann öffnete ich Julians Chat und antwortete:
„Sehr sogar.“
Danach zog ich den Verlobungsring ab.
Ich legte ihn auf den Couchtisch.
Daneben stand sein Laptop.
Ich bewegte die Maus, gab den Link ein, den Klara mir geschickt hatte, und ließ die Seite mit dem Bericht über seine Hochzeit mit Jasmin offen stehen.
Ein letzter Blick in die Wohnung. Dann machte ich das Licht aus und ging.
Unten wartete Klara schon im Auto.
„Wohin?“
„Zum Flughafen.“
Der Wagen fuhr aus der Wohnanlage. Ich sah mich nicht um.
Das Handy stellte ich auf lautlos.
Leb wohl, meine sieben Jahre.
Am nächsten Morgen um acht.
Julian kam mit Jasmin und der Verwandtschaft zur Wohnung, um die Braut abzuholen.
In dem Moment, als die Tür aufging, stockte allen der Atem.
Kapitel 5
Als die Tür aufging, lag die Wohnung so still da wie eine Ruine.
Kein roter Hochzeitsschmuck.
Keine Luftballons.
Keine Blumen, keine Duftkerzen, für die ich nächtelang wach gewesen war.
Selbst der Kleiderschrank war leer.
Geblieben war nur der Couchtisch in der Mitte des Wohnzimmers. Und darauf, ganz allein, ein Verlobungsring.
Julian stand in der Tür, in den Händen noch den Brautstrauß.
Das Lächeln in seinem Gesicht gefror.
Die Verwandten hinter ihm begriffen als Erste.
„Was ist hier passiert?“
„Wo ist die Braut?“
„Sollten wir sie nicht um acht abholen? Warum ist sie nicht da?“
„Warum sieht die Wohnung aus, als wäre sie ausgeräumt?“
Auch die Trauzeugen standen ratlos herum.
Jemand fragte halblaut:
„Julian, hattest du Streit mit Lena?“
„Wurde vielleicht kurzfristig der Ort geändert?“
„Jetzt sag doch irgendwas.“
Julian schien nichts davon zu hören.
Er ging an allen vorbei, langsam, ins Wohnzimmer.
Seine Sohlen machten auf dem leeren Boden ein ganz leises Geräusch.
Ein Geräusch, das ihm Schlag für Schlag gegen die Brust hämmerte.
Ganz hinten in der Menge stand Tobias.
Als er die Szene sah, wurde er schlagartig blass.
Tobias trat rasch neben Julian und senkte die Stimme:
„Julian.“
„Weiß Lena Bescheid?“
Julian fuhr herum.
„Worüber?“
Seine Stimme war gepresst, als hielte ihm jemand die Kehle zu.
Tobias sah ihn unverwandt an.
„Worüber wohl?“
„Über deine Hochzeit mit Jasmin in der Schweiz.“
Danach war es im ganzen Wohnzimmer still.
Julian wurde schlagartig kreidebleich.
Doch gleich darauf schüttelte er den Kopf, als widerspräche er Tobias – oder sich selbst.
„Ausgeschlossen.“
„Sie kann es nicht wissen.“
„Ich habe doch alles geregelt.“
„Der Bericht ist nur im Ausland erschienen, und niemand durfte ihr etwas sagen.“
Gegen Ende wurde seine Stimme immer leiser.
Denn er merkte selbst, wie lächerlich das klang.
Wenn ich nichts wusste, warum war die Wohnung dann leer?
Wenn ich nichts wusste, warum lag der Ring dann abgelegt da?
Wenn ich nichts wusste, warum war ich dann ausgerechnet am Hochzeitstag verschwunden?
Jasmin stand mitten in der Menge, in einem zartrosa Kleid.
Sie hatte sich für diesen Tag besonders schön zurechtgemacht.
Leicht gewelltes Haar, sorgfältiges Make-up, an der Hand der Diamantring, den ich kannte.
Sie sah sich in der leeren Wohnung um, und ihr Mundwinkel hob sich ganz leicht.
Das Lächeln verschwand sofort wieder.
So schnell, dass es fast niemand bemerkte.
Tobias bemerkte es.
Er streifte sie mit einem kalten Blick.
Sofort setzte Jasmin eine unschuldige Miene auf, trat neben Julian und zupfte sacht an seinem Ärmel.
„Jules, Leni ist doch nicht etwa ... vor der Hochzeit weggelaufen?“
„So viele Verwandte sind heute gekommen. Wie kann sie das nur machen?“
„Und wenn sie noch so wütend ist – mit einer Hochzeit spielt man nicht.“
Julian sagte nichts.
Jasmin presste die Lippen zusammen, ihre Stimme wurde noch weicher.
„Jules, ich weiß, das ist gerade furchtbar für dich.“
„Aber die Zeit läuft, und im Hotel warten die Gäste.“
„Wenn Leni wirklich nicht auftaucht ...“
Sie machte eine Pause, als koste es sie große Überwindung.
„Ich kann für dich einspringen.“
„Wir haben in der Schweiz doch ohnehin schon ...“
„Jasmin.“
Tobias’ Stimme war eisig.
Jasmin zuckte zusammen.
Tobias sah sie an, ohne die geringste Höflichkeit im Blick.
„Hältst du eigentlich alle hier für Idioten?“
Jasmin wurde blass.
„Tobias, was soll das heißen?“
„Das soll heißen: Hör auf, hier Theater zu spielen.“
Tobias deutete auf die leere Wohnung.
„Lena war sieben Jahre mit Julian zusammen.“
„Und wir Freunde haben sieben Jahre lang gesehen, wie sie ihn behandelt hat.“
Die Mitarbeiterin sah mich fassungslos an:
„Die Feier ist morgen. Wollen Sie das nicht erst mit dem Bräutigam besprechen, wenn er zurück ist?“
Ich lächelte, warf einen letzten Blick auf den Saal, den ich drei Monate lang mit eigenen Händen hergerichtet hatte, und sagte ganz beiläufig:
„Nein. Er hat keine Zeit. Er steht gerade in der Schweiz vor dem Altar – mit seiner ersten Liebe.“
Kapitel 1
Sieben Jahre zusammen. Einen Tag vor der Hochzeit sagte ich die Feier mit meinem Freund Julian Falk ab.
Die Mitarbeiterin sah mich fassungslos an:
„Die Feier ist morgen. Wollen Sie das nicht erst mit dem Bräutigam besprechen, wenn er zurück ist?“
Ich lächelte, warf einen letzten Blick auf den Saal, den ich drei Monate lang mit eigenen Händen hergerichtet hatte, und sagte ganz beiläufig:
„Nein. Er hat keine Zeit. Er steht gerade in der Schweiz vor dem Altar – mit seiner ersten Liebe.“
1
Sieben Jahre lang ließ Julian mich nie an seinen Laptop.
Diesmal war er auf Geschäftsreise und hatte vergessen, ihn auszuschalten.
Beim Aufräumen im Arbeitszimmer fiel mein Blick zufällig auf den hellen Bildschirm.
„Julian, hast du heute wirklich in der Schweiz eine Hochzeit mit Jasmin gefeiert?“
„Ihr wart nicht auf dem Standesamt, schon klar. Aber hast du keine Angst, dass Lena durchdreht, wenn sie das erfährt?“
„Bis zu eurer Hochzeit hier sind es noch ganze drei Tage.“
„Komm endlich zur Vernunft!“
Tobias Krüger, Julians ältester Freund, stellte ihn im Chat zur Rede.
Ich stützte mich am Schreibtisch ab. Für einen Moment hielt ich das Ganze für einen Traum.
Jasmin Voss war Julians erste Liebe gewesen, damals, mit achtzehn.
Dann zog sie weg, und die beiden trennten sich.
Das war acht Jahre her.
Wie konnte Julian ausgerechnet jetzt, kurz bevor wir selbst heiraten, mit ihr vor den Altar treten?
Die Adern traten mir auf dem Handrücken hervor, so fest umklammerte ich die Tischkante. Ich starrte auf den Bildschirm, ohne zu blinzeln, und wartete auf seine Antwort.
Julian antwortete sofort:
„Ja, stimmt. Und ich bin völlig klar im Kopf.“
„Das war unser Versprechen von damals, mit achtzehn. Jasmin hat mich nur um diese eine Sache gebeten. Also halte ich es.“
„Und Leni ...“
Im Chatfenster stand sehr lange nur: „schreibt ...“
„Sie weiß es ohnehin nicht. Danach tue ich einfach so, als wäre nichts gewesen.“
Ungläubig starrte ich auf diesen Satz. Es dauerte, bis ich bitter auflachte.
Zu spät.
Julian, ich weiß es längst.
Ich zog den Stuhl heran, setzte mich und griff mit zitternder Hand nach der Maus. Dann öffnete ich den Chat zwischen Julian und Jasmin.
Sieben Jahre mit ihm. Und ich hatte nicht das Geringste geahnt.
Die beiden schrieben sich jeden einzelnen Tag.
Jasmin schickte ihm ein Foto von einem Kätzchen, Julian antwortete: „Genauso süß wie du.“
Jasmin klagte über den Druck im Job und ihren nervigen Chef, Julian tippte in aller Ruhe: „Druck heißt, dass du wächst. Denk nicht zu viel nach. Ich bin ja da.“
In Jasmins Wohngebiet fiel der Strom aus, sie schickte ihm einen Sticker, der Angst vor der Dunkelheit ausdrückte. Julian antwortete in derselben Sekunde: „Warte auf mich.“
An genau diesem Tag hatte ich meine Tage bekommen und wälzte mich mit Krämpfen im Bett.
Julian war Hals über Kopf aus der Wohnung gestürzt, ohne mir auch nur einen Tee zu machen.
Stück für Stück ging ich diese Alltagsfetzen durch. Aus jedem einzelnen sprach dieselbe Sorgfalt.
Am schwersten zu ertragen war der letzte Monat.
Julian und Jasmin hatten eine Hochzeit geplant.
Er fragte sie: „Wie soll die Feier aussehen? Oben in den Bergen oder auf einer Wiese? Oder beides?“
Er schickte ihr Brautkleider in allen Stilrichtungen: „Welches gefällt dir am besten? Schlicht, Satin oder aufwendig bestickt? Ich habe die Nachmittagsbesprechung abgesagt, um drei hole ich dich zur Anprobe ab.“
Vom Veranstaltungsort bis zu der Frage, ob es Konfetti oder Luftschlangen geben sollte – Julian nahm ihr jede Entscheidung ab.
Er war ununterbrochen auf den Beinen.
Und unsere Hochzeit?
Ich fragte ihn, ob wir auf dem Land oder in der Stadt feiern sollten. Er sagte: „Ist mir egal.“
Ich wollte, dass er mit mir Brautkleider ansah. Er hatte zu viel zu tun, sagte er. „Entscheide einfach selbst.“
Ich stellte die Gästeliste zusammen und bat ihn, sie ein letztes Mal durchzusehen und zu unterschreiben. Wieder nur: „Mach du das. Mir egal.“
Ich hielt Julian für einen Menschen, dem eben alles egal war.
Bis heute. Bis ich seinen Chat mit Jasmin las.
Weil Jasmin sich nicht zwischen Schleier und Diadem entscheiden konnte, hatte Julian ihr drei Powerpoints mit je zwanzig Seiten gebastelt.
Kapitel 2
Zwischen all diesen Zeilen stand immer dasselbe Wort: Sorgfalt. Und irgendwann musste ich es zugeben.
Meine sieben Jahre mit Julian.
Sie waren nichts.
Ich saß die ganze Nacht im Arbeitszimmer.
Am nächsten Morgen nahm ich mir frei. Klara Berger, meine beste Freundin, begleitete mich, um die Hochzeit abzusagen.
„Leni, hast du dir das wirklich gut überlegt?“
Das war Klaras erste Frage, kaum dass sie mich sah.
„Ja. Habe ich.“
„Ihr seid seit sieben Jahren zusammen, übermorgen ist die Feier. Und du wartest nicht mal ab, bis er zurück ist, sondern sagst einfach alles allein ab?“
„Ja.“
„Weiß Julian davon?“
„Er hat zu tun.“
„Womit denn?“
Ich antwortete nicht.
Klara schwieg zwei Sekunden.
„Wenn es dir unangenehm ist, rufe ich ihn an.“
„Ihr seid seit sieben Jahren zusammen, es geht um eure Hochzeit, ich lasse dich damit doch nicht allein ...“
„Er hat zu tun. Er heiratet gerade.“
Meine Stimme war ganz leise.
Klara erstarrte. Der ungläubige Ausdruck fror ihr im Gesicht ein.
„Was hast du gesagt?“
Ich lächelte nur.
Dann holte ich die Chatverläufe hervor, die ich in der Nacht von Julians Laptop gesichert hatte, und hielt sie ihr hin.
„Julian hat geheiratet.“
„Gestern. In der Schweiz.“
„Jasmin Voss. Seine erste Liebe.“
Klara sagte nichts mehr.
Dann wurden ihre Augen ganz langsam rot.
„Gestern hast du bis nach Mitternacht mit dem Lichttechniker im Hotel geprobt. Zwischendurch hast du mir geschrieben, dass dein Magen wehtut, und mich um Tabletten gebeten.“
„Und genau in dieser Zeit ... hat Julian in der Schweiz eine andere geheiratet?“
Mein Mundwinkel zuckte.
„Ja.“
Klara sagte kein Wort mehr. Sie fuhr mich direkt zur Hochzeitsagentur.
Die ganze Fahrt über hielt sie meine Hand. Ganz fest.
3
Nach der Absage fuhr ich nach Hause und packte.
Ich wollte aus der Wohnung ausziehen, die unser gemeinsames Zuhause hätte werden sollen.
Julian schrieb mir.
Ein Foto aus einem Wartebereich am Flughafen.
Darunter: „Geschäftsreise vorbei. Bin todmüde.“
Ich antwortete nicht. Ich starrte nur auf die linke untere Ecke des Fotos.
Eine schmale, helle Hand war versehentlich mit ins Bild geraten. Am Ringfinger blitzte ein Diamantring.
Ich kannte diesen Ring.
Als Julian und ich im Jahr zuvor Eheringe aussuchten, empfahl ihn uns die Verkäuferin. Das teuerste Modell im ganzen Laden.
In der ganzen Stadt gab es davon nur ein einziges Paar.
Mir gefiel er sehr. Julian sagte: „Zu protzig. Passt nicht zu dir.“
Er passte zu Jasmin.
Ich legte das Handy weg, nahm meine Sachen Stück für Stück aus dem Schrank, faltete sie und stopfte sie in den Koffer.
Bei einem von Julians Hemden runzelte ich die Stirn.
Es roch stark nach Parfüm.
Nach Jasmin.
Am Kragen klemmte ein Zettel, mit Lippenstift beschrieben.
„Jasmins Schlafshirt“
Sieben Jahre zusammen. Und erst jetzt erfuhr ich, dass er sie mit hierhergebracht hatte.
Und dass in unserem Schrank ein Hemd hing, das nach einer anderen Frau roch.
Ich hängte es zurück und machte im Bad weiter.
In meiner Tasche vibrierte das Handy.
Wieder Julian.
Diesmal ein Videoanruf.
Ich ging ran.
Auf dem Bildschirm trug er einen schwarzen Mantel. In dieses sonst so kühle, verschlossene Gesicht hatte sich etwas Weiches geschlichen.
„Was machst du gerade?“
„Ich räume auf.“
„Läuft alles mit der Hochzeit?“
„... ganz gut.“
„Ich fliege heute. Morgen früh bin ich wieder da, unsere Feier übermorgen schaffe ich locker.“
„Gut.“
„Was ist los? Bist du sauer?“
„Nein. Nur müde.“
„Ich habe ein Geschenk für dich.“
Julian bückte sich und zog eine weiße, mit einer Schleife gebundene Schachtel aus seiner Aktentasche.
„Ein Freund hat geheiratet, es gab Hochzeitsmandeln. Ich habe dir extra welche mitgebracht, damit etwas vom Glück abfärbt.“
„Ein Freund?“
Ich wiederholte nur dieses eine Wort.
Er lächelte. Ganz selbstverständlich, ohne die Spur eines schlechten Gewissens.
„Ja. Ein Freund.“
Kapitel 3
In diesem Moment kam von der Seite eine Frauenstimme.
„Jules, schaust du mal, ob mein Ring locker sitzt?“
Julian drehte den Kopf zur Seite:
„Sofort.“
Dann sah er wieder mich an.
„Leni, war noch was? Sonst lege ich auf.“
Ich senkte den Blick, sah den Mann auf dem Bildschirm an und konnte am Ende doch nicht anders:
„Julian, willst du mich wirklich heiraten?“
Er stutzte, dann lachte er.
„Natürlich. Wir sind seit sieben Jahren zusammen.“
„Wie oft im Leben hat man schon sieben gemeinsame Jahre? Natürlich will ich dich heiraten.“
Ich nickte.
Mein Finger lag auf dem Familienchat der Falks.
Drei Minuten zuvor hatte ich dort eine Zeile getippt:
„In gegenseitigem Einvernehmen wird die für übermorgen geplante Hochzeit abgesagt.“
Damals wollte ich ihn noch nicht bloßstellen.
Jetzt löschte ich die Zeile. Buchstabe für Buchstabe.
„Alles klar.“
Am nächsten Tag schickte ich mein Gepäck zu meinen Eltern.
Julians Mutter rief an.
„Leni, komm doch mittags zum Essen, Jules ist wieder da.“
Sie machte eine kurze Pause und fügte lächelnd hinzu:
„Er hat eine Freundin mitgebracht, Jasmin Voss. Dann könnt ihr euch gleich kennenlernen.“
Julians Mutter war eine ausgesprochen „herzliche“ Frau.
Als Julian mich zum ersten Mal mit nach Hause nahm, lächelte sie mich schon an der Tür an und schenkte mir Tee ein.
Sie lobte, wie hübsch ich war, und fragte dann nach meinem Abschluss, meiner Familie und ob ich im Haushalt etwas taugte.
Ich beantwortete alles der Reihe nach, nervöser als bei meiner Abschlussprüfung.
Ich gab mir alle Mühe, eine Schwiegertochter zu sein, mit der sie zufrieden war.
Julians Mutter freute sich sehr. „Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass Julian ein Mädchen wie dich gefunden hat.“
Doch kaum hatte sie ihn in die Küche gerufen, um Obst zu waschen ...
... hörte ich sie seufzen. Voller Bedauern sagte sie zu ihm:
„Wirklich schade. Die vor ihr war doch die Bessere.“
Mit der Vorherigen war Jasmin gemeint.
Julian hatte mir nie von ihr erzählt. Ich hatte es selbst herausgefunden.
Seitdem fiel mir bei jedem Besuch bei seiner Mutter unweigerlich dieser Name ein.
Heute würde ich sie endlich zu Gesicht bekommen.
Als ich ankam, war das Sofa im Wohnzimmer bereits voll besetzt.
Jasmin saß genau in der Mitte, Julian dicht neben ihr. Er schälte ihr gerade eine Mandarine.
In sieben Jahren hatte er das für mich kein einziges Mal getan.
Als seine Mutter mich hereinkommen sah, sprang sie sofort auf:
„Da ist ja unsere Leni.“
Sie zog mich zu sich und deutete auf Jasmin.
„Das ist eine alte Studienfreundin von Jules, ein wirklich außergewöhnlicher Mensch. Sie ist extra angereist, weil Jules heiratet.“
„Jasmin, das ist Leni.“
Sogar in der Vorstellung lag ein Unterschied.
Ich ließ es durchgehen und setzte mich still in eine Ecke.
Seine Mutter plauderte weiter mit ihr.
„Jasmin, habt ihr in der Schweiz eigentlich Fotos machen lassen?“
„Und ausgerechnet bei so etwas Großem sagst du mir nicht früher Bescheid.“
Jasmin lächelte verlegen:
„Frau Falk ...“
„Immer noch ‚Frau Falk‘?“
Julians Mutter strahlte über das ganze Gesicht.
„Mama!“
Julian fuhr dazwischen und warf mir aus den Augenwinkeln einen schnellen Blick zu.
„Leni ist auch noch da.“
Die Stimmung im Wohnzimmer kippte.
Erst jetzt schien es ihr aufzugehen. Verlegen sagte sie:
„Da habe ich mich im Ton vergriffen. Ich mag Jasmin einfach so gern, für mich ist sie wie eine eigene Tochter.“
„Komm, Leni, nimm dir Hochzeitsmandeln.“
Sie schob mir die Schachtel über den Tisch.
Dann griff sie eine große Handvoll heraus und drückte sie mir in die Hand.
Ich schob mir eine in den Mund. Sie schmeckte bitterer als jede Medizin.
„Danke, Frau Falk.“
Ich nannte sie nicht Mama.
Sie hatte es nicht verdient.
Dass sie von der Hochzeit der beiden gewusst hatte, damit hatte ich nicht gerechnet.
Trotzdem machte ich keine Szene.
Es hätte nichts gebracht.
Ich wartete. Auf morgen. Auf ihre Gesichter, wenn sie erfuhren, dass die Hochzeit abgesagt war.
Nach dem Mittagessen stand ich auf und ging.
Kapitel 4
Julian lief mir nach, um mich zu verabschieden.
Im Aufzug fing er plötzlich an:
„Meine Mutter hat das nicht so gemeint.“
„Was?“
Er schwieg einen Moment.
„Dass Jasmin sie Mama nennen soll. Sie hat das nicht so gemeint.“
Ich lächelte.
Dann hob ich meine Hände und betrachtete sie von allen Seiten.
„Bei unserem ersten Treffen hat deine Mutter gesagt, ich bin hübsch. Und dass ich schöne Hände habe, denen man ansieht, dass sie noch nie arbeiten mussten.“
„Danach hat sie mich bei jedem Besuch in die Küche gerufen, kaum dass ich saß.“
„In sieben Jahren habe ich bei euch 78 Mal das Geschirr gespült.“
„Und Jasmin? Deine Mutter hat sie beim Essen nicht einmal Wasser einschenken lassen.“
Julians Miene veränderte sich leicht.
„Leni, Jasmin ist ein Gast.“
„Und Gäste sollen deine Mutter Mama nennen?“
Julian schwieg.
Ich fragte weiter:
„Von wem kam die Idee mit den Hochzeitsmandeln?“
Er erstarrte.
„Von Jasmin. Damit etwas vom Glück auf dich abfärbt.“
„Und du hast sie nicht aufgehalten?“
„Ich habe mir nichts dabei gedacht ...“
Wieder lächelte ich.
In sieben Jahren hatte ich diesen Satz aus seinem Mund unzählige Male gehört.
Wenn er meinen Geburtstag verpasste: „Zu viel Arbeit, ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Wenn er mir zum Jahrestag dasselbe Armband schenkte wie Jasmin: „Ist doch dieselbe Marke, ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Sogar beim Heiratsantrag hatte er den Ring eine Nummer zu groß gekauft.
Auch dafür dieselbe Erklärung: „Solche Kleinigkeiten merke ich mir nicht, ich habe mir nichts dabei gedacht.“
Ob er sich wirklich nie etwas dabei dachte, weiß ich bis heute nicht.
Inzwischen war es mir zu mühsam, mich damit aufzuhalten.
Ich stellte ihm nur eine einzige Frage:
„Julian, wenn du es dir mit der Hochzeit anders überlegst, ist es jetzt noch nicht zu spät.“
Seine Miene kippte, mit einem Schlag wurde er ernst.
Seine Linke schloss sich hart um mein Handgelenk.
„Lena, red keinen Unsinn! Wir sind seit sieben Jahren zusammen. Wen willst du denn sonst heiraten?“
„Wenn dir die Mandeln nicht passen, werfe ich sie weg. Aber diesen Satz mag ich nicht. Nimm ihn zurück.“
Ich sah ihn an, so wütend, wie ich ihn selten erlebt hatte, und verzog nur leicht den Mund.
„Alles klar.“
Ich trat aus dem Aufzug und ließ ihn hinter mir stehen.
Am Abend schickte ich das letzte Gepäckstück aus der Wohnung fort.
Während ich Klara ein Foto davon schickte, kam eine Nachricht von Julian:
„Bist du noch sauer?“
„Ich habe mit meiner Mutter geredet. Sie lässt dich nie wieder abspülen.“
Ich antwortete nicht.
Er schrieb weiter:
„Noch zwölf Stunden, dann heiraten wir. Freust du dich, Leni?“
Ich saß mitten in dem leeren Wohnzimmer, in dem nichts mehr an eine Hochzeit erinnerte, zögerte und antwortete doch nicht.
Klara leitete mir einen Artikel weiter.
„Diese Mistkerle! Sieh dir das sofort an!“
Ich öffnete ihn. Eine Meldung aus einer Schweizer Lokalzeitung.
„Die Hochzeit des Jahres – der Bräutigam sagt: Wahre Liebe ist unbezahlbar“
In zweitausend Wörtern schwärmte der Reporter von Julians und Jasmins Hochzeit.
Dazu ein Foto von Julian beim Interview.
Der Reporter fragte ihn:
„Warum haben Sie für die Feier ausgerechnet die Schweiz gewählt?“
Julians Antwort:
„Weil meine Frau es sich so gewünscht hat.“
Ich lud den Artikel herunter und speicherte ihn.
Dann öffnete ich Julians Chat und antwortete:
„Sehr sogar.“
Danach zog ich den Verlobungsring ab.
Ich legte ihn auf den Couchtisch.
Daneben stand sein Laptop.
Ich bewegte die Maus, gab den Link ein, den Klara mir geschickt hatte, und ließ die Seite mit dem Bericht über seine Hochzeit mit Jasmin offen stehen.
Ein letzter Blick in die Wohnung. Dann machte ich das Licht aus und ging.
Unten wartete Klara schon im Auto.
„Wohin?“
„Zum Flughafen.“
Der Wagen fuhr aus der Wohnanlage. Ich sah mich nicht um.
Das Handy stellte ich auf lautlos.
Leb wohl, meine sieben Jahre.
Am nächsten Morgen um acht.
Julian kam mit Jasmin und der Verwandtschaft zur Wohnung, um die Braut abzuholen.
In dem Moment, als die Tür aufging, stockte allen der Atem.
Kapitel 5
Als die Tür aufging, lag die Wohnung so still da wie eine Ruine.
Kein roter Hochzeitsschmuck.
Keine Luftballons.
Keine Blumen, keine Duftkerzen, für die ich nächtelang wach gewesen war.
Selbst der Kleiderschrank war leer.
Geblieben war nur der Couchtisch in der Mitte des Wohnzimmers. Und darauf, ganz allein, ein Verlobungsring.
Julian stand in der Tür, in den Händen noch den Brautstrauß.
Das Lächeln in seinem Gesicht gefror.
Die Verwandten hinter ihm begriffen als Erste.
„Was ist hier passiert?“
„Wo ist die Braut?“
„Sollten wir sie nicht um acht abholen? Warum ist sie nicht da?“
„Warum sieht die Wohnung aus, als wäre sie ausgeräumt?“
Auch die Trauzeugen standen ratlos herum.
Jemand fragte halblaut:
„Julian, hattest du Streit mit Lena?“
„Wurde vielleicht kurzfristig der Ort geändert?“
„Jetzt sag doch irgendwas.“
Julian schien nichts davon zu hören.
Er ging an allen vorbei, langsam, ins Wohnzimmer.
Seine Sohlen machten auf dem leeren Boden ein ganz leises Geräusch.
Ein Geräusch, das ihm Schlag für Schlag gegen die Brust hämmerte.
Ganz hinten in der Menge stand Tobias.
Als er die Szene sah, wurde er schlagartig blass.
Tobias trat rasch neben Julian und senkte die Stimme:
„Julian.“
„Weiß Lena Bescheid?“
Julian fuhr herum.
„Worüber?“
Seine Stimme war gepresst, als hielte ihm jemand die Kehle zu.
Tobias sah ihn unverwandt an.
„Worüber wohl?“
„Über deine Hochzeit mit Jasmin in der Schweiz.“
Danach war es im ganzen Wohnzimmer still.
Julian wurde schlagartig kreidebleich.
Doch gleich darauf schüttelte er den Kopf, als widerspräche er Tobias – oder sich selbst.
„Ausgeschlossen.“
„Sie kann es nicht wissen.“
„Ich habe doch alles geregelt.“
„Der Bericht ist nur im Ausland erschienen, und niemand durfte ihr etwas sagen.“
Gegen Ende wurde seine Stimme immer leiser.
Denn er merkte selbst, wie lächerlich das klang.
Wenn ich nichts wusste, warum war die Wohnung dann leer?
Wenn ich nichts wusste, warum lag der Ring dann abgelegt da?
Wenn ich nichts wusste, warum war ich dann ausgerechnet am Hochzeitstag verschwunden?
Jasmin stand mitten in der Menge, in einem zartrosa Kleid.
Sie hatte sich für diesen Tag besonders schön zurechtgemacht.
Leicht gewelltes Haar, sorgfältiges Make-up, an der Hand der Diamantring, den ich kannte.
Sie sah sich in der leeren Wohnung um, und ihr Mundwinkel hob sich ganz leicht.
Das Lächeln verschwand sofort wieder.
So schnell, dass es fast niemand bemerkte.
Tobias bemerkte es.
Er streifte sie mit einem kalten Blick.
Sofort setzte Jasmin eine unschuldige Miene auf, trat neben Julian und zupfte sacht an seinem Ärmel.
„Jules, Leni ist doch nicht etwa ... vor der Hochzeit weggelaufen?“
„So viele Verwandte sind heute gekommen. Wie kann sie das nur machen?“
„Und wenn sie noch so wütend ist – mit einer Hochzeit spielt man nicht.“
Julian sagte nichts.
Jasmin presste die Lippen zusammen, ihre Stimme wurde noch weicher.
„Jules, ich weiß, das ist gerade furchtbar für dich.“
„Aber die Zeit läuft, und im Hotel warten die Gäste.“
„Wenn Leni wirklich nicht auftaucht ...“
Sie machte eine Pause, als koste es sie große Überwindung.
„Ich kann für dich einspringen.“
„Wir haben in der Schweiz doch ohnehin schon ...“
„Jasmin.“
Tobias’ Stimme war eisig.
Jasmin zuckte zusammen.
Tobias sah sie an, ohne die geringste Höflichkeit im Blick.
„Hältst du eigentlich alle hier für Idioten?“
Jasmin wurde blass.
„Tobias, was soll das heißen?“
„Das soll heißen: Hör auf, hier Theater zu spielen.“
Tobias deutete auf die leere Wohnung.
„Lena war sieben Jahre mit Julian zusammen.“
„Und wir Freunde haben sieben Jahre lang gesehen, wie sie ihn behandelt hat.“